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Verheißungen des Wunderbaren

Erik Stephan für den Katalog "Kinderspiele" 2010

 

Kerstin Grimm pendelt künstlerisch zwischen den Möglichkeiten von Zeichnung und Skulptur und ist  in jedem der beiden Bereiche zu Hause. Sie begann mit der Zeichnung, hat die Fläche des Bildes verlassen und ist zu dieser zurückgekehrt. Die Skulpturen, die meist Bronzen und in wenigen Fällen Mischtechniken sind, begleiten die Arbeiten auf Papier anekdotisch und weiten den Horizont der künstlerischen Möglichkeiten vor allem im Figürlichen. Einige der Skulpturen bilden eigene Reihen mit thematischen Zusammenhängen, unter denen „Die große Flussfahrt“ (1991-1993) und „Die Stunde der Dämonen“ (2007) die umfang­reichsten und bedeutendsten sind. Die Werke baugebundener Kunst, der dritte Bereich des Werkes, entstand auftragsbezogen vor allem in den letzten Jahren. Das Werk auf Papier ist besonders umfangreich – und die zentralen Fragen ihrer Arbeit werden vor allem hier verhandelt.

 

Zeichnungen, das sind bei Kerstin Grimm Mischtechniken, auf denen sich Figur und Landschaft, Gegenstand und Seismogramm, sensible Linearität und transparente Farbig­keit überlagern und in feinsinnigen Kompositionen finden. Im Mittelpunkt steht ein tradiertes Thema der Kunst, die Ver­bindung von Figur und Raum, das die Künstlerin in immer neuen formalen Verstrickungen erprobt. Oftmals ist eine Figur zentral positioniert, während der Bildraum in ferne, stille Sphären entwischt und den Blättern eine Aura des Außergewöhnlichen verleiht. Es ist ein fließend ausbalanciertes Gleichgewicht von Nähe und Ferne, von Darstellung und Bedeutung, das in einem stillen, immanenten Sinne die Sehnsucht zur Voraussetzung oder zum Ergebnis der Betrachtung hat. Solches mag aus einer nacherlebten Romantik herrühren, die hier aber nicht in biedersinnigen Metaphern, sondern als hintergründiger, eigentlich schwarzer Zustand dem Zauber der Blätter eine existenzielle Dimension gibt. Hinter der Fassade ausbalancierter Gelassenheit verbergen sich Abstürze, die sich nicht in schmerzvollen, expressiven Verzerrungen gerieren, sondern als feinnervige, seelische Dispositionen die Verheißungen des Wunderbaren unterwandern. Das erzeugt Spannung und durchstößt die vermeintliche Sorglosigkeit der Bilder.

 

Eingebettet in ein Netz aus Märchen, Mythen und Träumen hat Kerstin Grimm 2003/2004 und 2008/2009 zwei umfangreiche Folgen ihrer Arbeiten unter dem Titel „Kinderspiele“ zusammen­gefasst. Die frühen Blätter dieser Folgen verweisen mit Titeln wie „Froschfang“ (2004) oder „Glücksspiel“ (2004) auf wirkliche Spiele, vor allem dienen die Titel jedoch als Rahmen für Bilderfindungen, die dem Ernst der Realität entsagen und im freien Spiel der Assoziationen den Traum zum Bestandteil der Realität erklären. Der „Friseur“ (2004) thront im Bild wie ein Gelehrter der Renaissance und auch im „Wasserspiel“ (2004) höht majestätische Grazie das möglicherweise einfache Tun. Im „Versteckspiel“ (2004) verschwindet niemand, einzig die dunkle Farbfläche vor den Augen des Kindes verweist auf die irrige Annahme, dass man dann, wenn man selbst nichts sieht, auch von anderen nicht gesehen wird. Kerstin Grimm durchforscht die letzten freien Reservate fantasie­begabten Seins und beschwört Außergewöhnliches.

 

Die Farben der Blätter sind fein gewählt, auffällig häufig und kaum zufällig ragen Rot und Grün heraus, die den Bedeutungshorizont der Palette zwischen Sünde und Auferstehung aufspannen. Kerstin Grimm handhabt die Malmittel mit kalkulierter Zufälligkeit und zwischen frei fließenden Verläufen aus verdünnten Tuschen, Gouachen und reaktiven Substanzen gelingen ihr immer wieder elegische hell-dunkel Kontraste, die die zarte Geometrie der Zeichnung höhen.

Die zeitlose, transzendente Art der Figuration befördert das Denken an die alten, fragilen Bestände grafischer Kabinette – denen man, mehr als abgeschilderter Gegenwart, noch Geheimnisse zutraut. Viele der Blätter bestehen aus geschichteten Papieren, die nicht nur collagiert, sondern außerdem in vielen Prozessen überarbeitet, verklebt und verdichtet werden – um schließlich, wie die Miniaturen alter Handschriften, gehüllt in eine Aura großer Kostbarkeit, daherzukommen.

Einige der schönsten Zeichnungen sind wie Palimpseste, oft geschriebene und wieder ausgelöschte Mitteilungen auf der Suche nach dem Wesentlichen, nach einer Ganzheitlichkeit, die auch Märchen, Mythen und Träume anerkennt. Knitter, Verwer­fungen und Fehlstellen befördern – in Verbindung mit den Farben – auf vielen Bildern ein feinnerviges Geäder aus energetischen Linien, die alles mit allem verbinden und noch die gewöhnlichen Dinge ins Rätselhafte entrücken. So entsteht eine geheimnisvolle Topografie, die auf ein hoch entwickeltes Sensorium für Stimmungen, Strukturen und deren Brechungen verweist. Die Welt besteht aus mehr als nur den sichtbaren Dingen und das Angebot der Formen imaginiert in der Konsequenz ein Sehen zwischen Gegenstand und Geheimnis und all den Überlappungen dazwischen.

Wie Kinder auch, spielt Kerstin Grimm über die Wirklichkeit hinweg und verleiht ihren Figuren und Dingen eine eigene, erfundene – aber die Wirklichkeit berührende – Existenz. Die Sicht auf die Dinge ist eine Frage der eigenen Verortung, alles ist Traum und Realität gleichermaßen und die Grenze zwischen Beobachtung und Erfindung ist im Grunde weder erkennbar noch beschreibbar.

 

Schwer zu sagen, was das Kind auf dem Blatt „Kinderspiele“ (2008) umtreibt. Die Landschaft ist weit und leer, nur eine Ahnung durchädert in feinen Linien den Horizont. Zwei Hunde sitzen da wie Zustandsbilder eines verletzten Befindens, ohne Regung und ohne erkennbare Beziehung. Es ist eine Meditation in Zeichen, die wie zivilisatorische Relikte aus dem Alltag entlehnt sind und nach dem harmonischen Ganzen suchen: Gegenläufig dazu weckt die Szenerie die Sehnsucht nach Handlung, die den Ausschnitt ins Leben einbindet. Die Farben sind verwaschen und der Himmel ist ausgestanzt wie eine Folie und stürzt in Scheiben zu Boden. Doch im Nirgendwo, weit hinten, grün gewandet, zeigt sich ein Zauberer, der Hoffnung verheißt. Es ist ein Bild tiefer Melancholie aus romantischer Gesinnung und ohne jede Form von Ironie.

 

Auf der Zeichnung „Verkehrte Welt“ (2003) ist die Handlung zugespitzt. Zwei Personen überfliegen in einem alten Fluggerät eine Szene, in der eine Badende von einem Dämon bedrängt wird. Die Welt rundum ist leer und eine gläserne Kugel schließt die Wanne und die Badenden ein. Verschiedene Gedankenflüsse münden in einem organischen Ganzen und trotz detailreicher Schilderung ist auch diesem Blatt eine melancholische Disposition eigen, die letztlich ein inneres Befinden wider­spiegelt. Dabei wird auch der feine, spielerische Humor, der dieser und vielen anderen kompositorischen Einfällen zugrunde liegt, gemildert. Doch unabhängig davon sind Fluggerät und Weltenkugel sowohl konstruktive wie auch metaphorische Modelle, die Kerstin Grimms ungebrochene Freude am Erfinden und Fabulieren belegen.

 

Die Blätter „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“ (2004) und „Nachtgesicht“ (2004) spiegeln Traumwelten wider. In beiden Fällen werden die hinlänglich bekannten Geschichten bildnerisch so umgesetzt, dass immer auch genügend Raum für subjektive Erklärungen bleibt. Die Zeichnungen sind reich an bildnerischen Notationen auf Haupt- und Nebenwegen und die poetische Brillanz der Bilder ist – wie bei Kerstin Grimm immer – tragend und bezaubernd zugleich. Durch die lange Bearbeitung und die immer neuen Überarbeitungen gewinnen die Bilder an Tiefe und die durchaus vorhandene Leichtigkeit der Kompositionen schlägt um ins Nachdenkliche. Die dunkelsten ihrer Bilder sind Ikonen.

 

Durch die Frontstellung vieler zentraler Figuren gleichen die Kompositionen der Blätter oft einer bühnenartigen Inszenierung, deren Raum sich in der surrealen Weite der jeweiligen Binnenland­schaft verliert. Doch das, was vordergründig wie Eckpunkte der Form erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als sinnlich gestufte Welterkenntnis. Man entdeckt die Nähe, verliert sich im hintergründigen Nirgendwo und die einsamen Kind-Wesen der „Kinderspiele“ werden zu Menetekeln dieser Ferne. Die Ironie besteht jedoch darin, dass diese Ferne und alles, was daraus erwächst, eine Geburt der nächsten, eigenen Empfindung ist.

 

Erik Stephan
2010